
Hinter der Masche steckt ein komplexes Netzwerk, das die Ermittler vor große Hürden stellt.
Urlaubsschock in Bornholm
Die mutmaßlichen Betrüger hatten eine täuschend echte Website inklusive korrektem Impressum und Handelsregisternummer erstellt, sagt uns Anke Weiß im Interview mit Radio Siegen. Sie ist die Tochter des Firmengründers von "conception" und arbeitet heute bei der "reaze" als People&Culture-Managerin.
Angefangen hat alles mit einer Nachricht bei LinkedIn, die Anke Weiß mitten im Urlaub erreichte. Eine Bewerberin wunderte sich über eine Stellenanzeige der "conception Werbung & Marketing GmbH" - eine Vorgängerfirma von "reaze", die heute nur noch auf dem Papier existiert.
Die Masche mit "Martin"
Die mutmaßlichen Betrüger gingen äußerst geschickt vor, sagt uns Lena Bieler - bei "reaze" zuständig für SocialMedia. In Video-Calls soll ein angeblicher Mitarbeiter namens „Martin“ Seriosität vorgetäuscht haben, wobei er seine Kamera wegen angeblicher technischer Defekte wohl stets ausgeschaltet ließ.
Den Bewerbern wurden offenbar Firmen-iPads und Kreditkarten versprochen, um sie zur Teilnahme an einem Post-Ident-Verfahren und so zur Preisgabe von persönlichen Daten zu bewegen.
Auch bei Mutter geklingelt
Besonders junge Frauen, Studentinnen und Mütter fielen auf die Masche herein. In einem Fall standen sogar Betroffene aus Gummersbach vor der Tür von Anke Weiß' Mutter, um nach ihrem vermeintlichen Job zu fragen. Die Adresse ist auf der Fake-Homepage als Firmenadresse angegeben.
Um weitere potentielle Opfer vorzuwarnen, hat sich "reaze" an uns von Radio Siegen gewandt und auch entsprechende Beiträge mit Warnungen bei SocialMedia gepostet.
Spuren führen nach Russland
Anke Weiß hat Anzeige erstattet bei der Polizei. Hier sagt man uns auf Nachfrage von Radio Siegen, dass die Daten der Opfer wohl zum Eröffnen von Bank-Konten missbraucht werden. Diese werden anschließend vermutlich für Geldwäsche genutzt, sagt uns Siegens Polizeipressesprecher Stefan Pusch.
Erste digitale Spuren führten über einen Provider in Frankreich direkt zu einem Server nach Russland, sagt uns die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage von Radio Siegen. Diese führt das Verfahren aktuell gegen „Unbekannt“.
Homepage weiter aktiv
Da die Server im Ausland stehen, hat die deutsche Polizei kaum eine Handhabe, die Website einfach abzuschalten. Auch das ebenfalls eingeschaltete Bundeskriminalamt konnte deshalb bislang keinen Erfolg vermelden.
Justiz prüft Verfahren
Inzwischen liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft in Siegen, bestätigt uns Pressesprecherin Vanessa Zimmermann. Ob eine aufwendige internationale Rechtshilfe eingeleitet wird, ist noch unklar. Da die Täter oft anonyme Dienste nutzen, gelten die Erfolgsaussichten als gering.
"Reaze" will warnen und aufklären
Für die betroffene Firma "reaze" bleibt die Situation belastend, da sich bereits rund 100 Opfer bei ihnen gemeldet haben. Anke Weiß sagt uns, dass es ihr wichtig war, mit allen auch persönlich zu sprechen.
Den Fall wolle man nutzen, um auch über solche Maschen aufzuklären. Das solche Taten überhaupt möglich sind und keiner etwas dagegen machen kann und das Internet offenbar ein rechtsfreier Raum ist, macht sie wütend.
Falls ihr auch Opfer geworden seid, dann solltet ihr Anzeige bei der Polizei erstatten. Der Vorgang wird hier unter dem Aktenzeichen 260622-1158-030145 geführt. Wenn ihr das angebt, dann wissen die Beamten sofort Bescheid und können eure Anzeige zuordnen.